Wird Ost-Karneval zum Kulturerbe? Wie in Friesack alles begann
Der havelländische Karneval hat seinen Ursprung vor 72 Jahren in Friesack. Die anderen Clubs bzw. Vereine der Region entstanden danach. Das in der ganzen DDR gewachsene Narrenvolk hat eine sehr eigene Geschichte, was ihren Karneval vielleicht zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands werden lässt.
Diese Hoffnung treibt Fred Witschel vom Glindower Carneval Club (Stadt Werder/Havel). Seit 2013 gehört er dem Vorstand des Karnevalverbands Berlin-Brandenburg (KVBB) an, seit 2019 ist er dessen Präsident. 2024 wurde er zum Vizepräsidenten des Bundes Deutscher Karneval gewählt und in ihm für den Osten Deutschlands zuständig. Zuletzt besuchte Witschel die Prunksitzung des Premnitzer Carnevalsclubs (PCC) im Gasthaus „Retorte“.
Fred Witschel strebte bereits vor 2024 die Anerkennung des Karnevals als Kulturerbe in Brandenburg an. Als Bundes-Vize treibt er dieses Vorhaben nun zusammen mit den ostdeutschen Karnevalsverbänden weiter voran. „Gerade Thüringen mit der Uni Jena begleitete unser Vorhaben wissenschaftlich. So wurden an die Karnevalsvereine in den Ländern Fragebögen zu ihren Traditionen und ihrer Geschichte versandt. Auch gingen Verbandsmitglieder zu den Vereinen vor Ort, um Geschichte zu bewahren“, so Witschel. „Warum gerade der ostdeutsche Karneval? Im Osten entwickelte sich ein spezieller Karneval. So gab es viele politische Büttenreden, die aber aufgrund der politischen Situation verklausuliert vorgetragen werden mussten.“
2025 haben die Karnevalsverbände der ostdeutschen Länder den Antrag auf Anerkennung ihres Karnevals als Kulturerbe offiziell bei den Landesregierungen beantragt. Brandenburgs Regierung unterstützt dieses Vorhaben. „Fred Witschel leistet mit großem Einsatz einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität in unserem Land, er verbindet Menschen und fördert wunderbare Traditionen. Er spendet damit Lebensfreude über Generationen hinweg“, so Ministerpräsident Dietmar Woidke im März 2025 bei Ehrung des KVBB-Präsidenten zum „Ehrenamtler des Monats“.
Die Entscheidung zur möglichen Anerkennung fällt nicht vor 2027. Witschel ist da ganz optimistisch. Im KVBB sind 135 Karnevalsvereine organisiert. In Thüringen sind es rund 350. „Der rbb sendet, als einzige Sendeanstalt im Osten, glücklicherweise noch jährlich eine TV-Karnevals-Gala. Der MDR hat sich davon verabschiedet – schade!“, so Witschel weiter.
Zur zweiten PCC-Prunksitzung der diesjährigen Saison kam der märkische Chefnarr nicht mit leeren Händen. Er hatte den höchsten KVBB-Orden dabei. In Premnitz wurde Angelika Hagin mit ihm geehrt. Sie schrieb närrische Wendegeschichte in der DDR. Zur Saison 1989/1990 empfing sie als PCC-Prinzessin erstmals am Rathaus den Stadtschlüssel. 2020 übernahm sie das PCC-Spitzenamt. Sehr gerührt nahm die geehrte Närrin den Orden entgegen.
Mit ihrem Vize Frank Hoffmann teilte sich Angelika Hagin die Moderation im Saal. „Heute zählt nur Eins: gemeinsam feiern. Freut euch auf das Programm. Es wird heiß, leidenschaftlich und etwas mittelalterlich und mitreisend“, begrüßte sie die kostümierten Gäste im ausverkauften Saal zum rund zweieinhalbstündigen Programm. In diesem wirkte Angelika Hagin in der „Märchentruppe“ mit.
Im Publikum war auch Premnitz‘ Bürgermeister Thomas Rosenberg, der sich zufälligerweise ein Cowboy-Kostüm zugelegt hatte. Das passte zur Musik. Denn „Die Dandys“, die seit drei Jahrzehnten als Live-Band in den PCC-Prunksitzungen spielen, stehen in dieser Saison als „Schuh des Manitu“-Crew auf der Bühne. Weitere Prunksitzungen finden am 7. und 14. Februar statt, jeweils ab 19.00 Uhr. Am 16. Februar, ab 19.30 Uhr, wird Rosenmontag gefeiert. Zuvor wird Friesack zum Veranstaltungsort für den einzigen Rosenmontagsumzug im Landkreis Havelland.
Der gastgebende Friesacker Karneval Club (FKC) erwartet die Delegationen befreundeter Karnevalsvereine aus der Region. Der Umzug startet um 13.00 Uhr. In der Chronik auf seiner Internetseite ist zu erfahren, dass der Karneval im Ort auf die „Schnapsidee“ von vier Männern – Karl Lohmer, Max Pelz, Kurt Röder und Karl Rummel – zurückgeht. Fünf weitere Männer fanden sich, ferner zwei Frauen, um 1953 den ersten Elferrat zu bilden. Ein Prinzenpaar gab es zur Premiere nicht, sondern nur einen Prinzen, der in den Saal getragen wurde. Aller Anfang war schwer im Arbeiter- und Bauernstaat. Büttenreden unterlagen der Zensur; durften auch keine politischen Inhalte haben.





