Wen interessiert’s in Honolulu, was in Rathenow geschah?
Mehr als 11.000 Kilometer trennen die Kreisstadt des Havellands von der Hauptstadt des US-Bundesstaats Hawaii im Pazifik. Und doch verbindet Honolulu und Rathenow nun ein gemeinsames Forschungsprojekt zu den letzten Tagen im Zweiten Weltkrieg.
Mit Professor Dr. Russell A. Hart von der Hawaiʻi Pacific University in Honolulu hat sich ein renommierter amerikanischer Militärhistoriker an den Heimatbund e.V. gewandt, um mehr über die Kämpfe in und um Rathenow Ende April und Anfang Mai 1945 zu erfahren. Dass sich ein Wissenschaftler auf der anderen Seite der Erde intensiv mit der Geschichte des westlichen Havellands und des Elb-Havel-Winkels beschäftigt, ist außergewöhnlich.
Umso größer ist die Freude beim Rathenower Heimatbund e.V. über den Beginn eines wissenschaftlichen Austauschs. Professor Hart leitet an der Universität das Diplomacy & Military Studies Program und zählt zu den ausgewiesenen Kennern der Militärgeschichte. Gegenwärtig arbeitet er an einem Buch über das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Mark Brandenburg. Ein eigenes Kapitel will er den Kämpfen in und um Rathenow widmen. Auf Empfehlung des havelländischen Kreis- und Verwaltungsarchivs wandte sich der US-Wissenschaftler an den Rathenower Heimatbund mit der Bitte um weiterführende Informationen. Da ist er genau richtig!
Seit vielen Jahren sammelt und dokumentiert der Rathenower Heimatbund Zeitzeugenberichte, private Dokumente, Fotografien und Erinnerungen an die letzten Kriegstage sowie die unmittelbare Nachkriegszeit in der Region. Die Ergebnisse dieser intensiven Forschungsarbeit wurden bislang in fünf Broschüren veröffentlicht. Darüber hinaus verfügt das Archiv des Heimatbunds über zahlreiche bislang unveröffentlichte Zeitzeugenberichte, Dokumente und Fotografien, die für weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen von besonderem Interesse sein können. Um weitere Erinnerungen zu bewahren und bislang unbekannte Quellen für die regionale Geschichtsforschung zu erschließen, veranstaltet der Verein regelmäßig Vorträge, Zeitzeugengespräche und Gesprächsrunden.
Auf dieser Grundlage konnten bereits zahlreiche historische Zusammenhänge rekonstruiert werden, nicht nur anhand deutschsprachiger Erlebnisberichte, sondern auch aus der Perspektive ehemaliger Soldaten der Sowjetischen Armee. Mit Unterstützung eines polnischen Geschichtsfreunds gelang es darüber hinaus, den Vormarsch der Verbände der 1. Polnischen Armee durch das westliche Havelland und den Elb-Havel-Winkel nachzuzeichnen. Damit konnte ein weiterer Baustein der regionalen Weltkriegsgeschichte dokumentiert werden.
Der nun entstandene Kontakt zur Hawaiʻi Pacific University eröffnet neue Perspektiven für die regionalgeschichtliche Forschung. Er bietet die berechtigte Hoffnung, bislang unerschlossene amerikanische Quellen, wie etwa Bestände in US-Archiven, privaten Nachlässen ehemaliger Soldaten oder in bislang unbekannten Erinnerungsberichten, in die Untersuchungen einzubeziehen. Dadurch könnten neue Erkenntnisse über die hiesigen letzten Kriegstage aus amerikanischer Sicht gewonnen und das bisherige historische Gesamtbild sinnvoll ergänzt werden. Gleichzeitig erfährt die über viele Jahre aufgebaute Dokumentation des Rathenower Heimatbund e.V. internationale Aufmerksamkeit und kann künftig in wissenschaftliche Arbeiten weit über Brandenburg hinaus einfließen.





