Wann gab es echt harte Winter?
Am 1. März ist meteorologischer Frühlingsanfang, der kalendarische folgt am 20. März 2026. Diesmal lässt sich sagen, dass dem Lenz ein echter Winter vorausging. Aber so richtig hart war er nicht. Es gab Winter, die bei Zeitzeugen in und um Rathenow noch heute kalte Schauer auslösen könnten.
Der wohl kälteste Tag des 20. Jahrhunderts war am 11. Februar 1929. Minus 30 Grad zeigten die Thermometer in und um Rathenow an. Später mussten die Menschen ausgerechnet in der Phase der Kriegszerstörungen und größter Wohnungsnot echt harte Winter erleben. War ihnen schon 1945/46 sehr viel abverlangt worden, kam es ein Jahr später zu einem noch härteren Nachkriegswinter.
„Bis Weihnachten“, so heißt es in Aufzeichnungen von Rathenows Ehrenbürgerin Erika Gutjahr (Jahrgang 1916), „herrschte ununterbrochener Frost, anschließend fiel Schnee bis in den März hinein. Gas- und Stromversorgung konnten nur stundenweise bereitgestellt werden. Petroleumlampen erhellten die Zimmer spärlich – Lesen oder Handarbeiten waren kaum möglich. Geheizt wurde meist nur ein Raum, und das Familienleben verlagerte sich in die warme Ofenecke.“ Als am 13. März 1947 plötzlich Tauwetter einsetzte, sollen sich Straßen und Wege in matschige Seen verwandelt haben. Vom Weinberg sollen schnell geschmolzene Schneemassen als muntere Bäche in die Stadt geflossen sein.
Die Nöte des Winters hätten die Menschen zu kreativen Lösungen gezwungen: „Kohleherde standen zwar in allen Küchen, doch Kohle war knapp. Familien holten Kleinholz, Kienäpfel und Reisig aus Wäldern und Parks“, so die 2005 verstorbene Ehrenbürgerin. Doch auch alles Brennbare aus den zahlreichen Ruinen der Stadt sei damals in die privaten Öfen gelangt und bewahrte die Menschen vor dem Kältetod.
Nach Jahren mit „normalen“ Wintern zeigte sich der Januar 1956 von seiner milden Seite. Doch wurde schon der darauffolgende Monat zur erneuten Herausforderung für die Menschen im westlichen Havelland. Bei Erika Gutjahr heißt es hierzu: „Am 11. Februar 1956 betrug die Eisdecke der Rathenower Gewässer 29,5 cm, die Havel wurde zur Promenade. Auf dem gefrorenen Fluss konnte man bis zu den Nachbardörfern wandern. Doch auch dieser Winter hatte zahlreiche Schattenseiten: Kohleknappheit führte zu nur mäßig geheizten Schulen, Räume erreichten kaum 10 Grad. Unterricht fand oft in dicken Mänteln statt, Hausaufgaben wurden zur Selbstbearbeitung mit nach Hause gegeben.“
Auch der Winter 1962/63 zählt zu den sehr harten des 20. Jahrhunderts. Im westlichen Havelland wurden von Anfang Januar bis Ende März insgesamt 60 Frosttage mit Nachtfrösten von bis zu minus 20 Grad sowie 81 Schneetage mit Schneehöhen von 24 bis 32 Zentimetern registriert.
Bereits im darauffolgenden Winter wurden die Menschen erneut hart geprüft. Vom 18. Dezember 1963 an bedeckte 73 Tage lang eine geschlossene Schneedecke das Havelland. Zudem herrschte zum Teil eisiger Frost bis Ende Februar und ließ die Brennstoffvorräte in den Betrieben und privaten Haushalten bedrohlich schwinden.
Der Winter 1968/69 gilt aus hiesiger Sicht als besonders schneereich und wird, wie Erika Gutjahr es formulierte, als Schneewinter bezeichnet. Sie schrieb: „Anfang Februar 1969 türmten sich die Schneemassen teilweise meterhoch an den Straßenrändern. Greifer luden den Schnee auf Anhänger, Traktoren transportierten ihn zur Havel oder zum Schleusenkanal. In Nebenstraßen gingen die Einwohner mit Schippen zu Werke. Schneeschieber wurden an sogenannte Dieselameisen angebaut, um wichtige Gehwege freizuhalten. Buslinien mussten eingeschränkt werden, um den Berufsverkehr zu sichern. Der Winter endete im März mit Schneestürmen, begleitet von Orkanböen, die den Rückzug des Winters dramatisch begleiteten.“ Eine rund 100-tägige Phase mit geschlossener Schneedecke verschaffte der Winter 1969/70. Der Jahreswechsel 1978/79 steht für eine Winterkatastrophe bislang ungekannten Ausmaßes.
Nach obligatorischem Weihnachtstauwetter setzte am 29. Dezember ungewöhnlich intensiver, bis zu 36-stündiger Eisregen ein, „der zu einem dicken Panzer wie aus Zuckerguss führte“, wie es der Brandenburger Hobbymeteorologe Manfred Lutzens (1940-2025) im Januar 2021 in BRAWO ausdrückte. Die Temperatur sank am Silvestertag auf bis zu minus 18 Grad. Ein selten starker Schneesturm mit Spitzen bis zu 65 Kilometer pro Stunde sorgte schnell für Schneehöhen von bis zu 25 Zentimeter und mächtige Schneeverwehungen. Zudem brach fast überall am 31. Dezember 1978 die Stromversorgung zusammen. Überall fehlten Elektroenergie und Brennstoffe.
Während das auf Erdgasbasis betriebene Kraftwerk des Premnitzer Chemiefaserwerks dieses am Laufen hielt, war an eine Komplettversorgung des ländlichen Umlands einschließlich der Stadt Rathenows nicht zu denken. Hier konnte lediglich für das Krankenhaus und dessen unmittelbaren städtischen Nahbereich die vollumfängliche Energieversorgung sichergestellt werden. Für alle anderen Abnehmer wurde versucht ein halbstündigen Rhythmus einzurichten, in dem nun kontingentiert Strom durch die Leitungen floss.
Erst nach Tagen, als es unter extrem hohem Personal- und Technikeinsatz gelang, die Kraftwerke im Land wieder mit Rohbraunkohle zu versorgen, normalisierte sich die extrem angespannte Energiesituation für die Menschen auch im westlichen Havelland. Traf der Winter die auf solche Extremsituation schlecht vorbereitete Wirtschaft und Versorgung schon hart, so war das kein Vergleich mit der Situation in den nördlichen Regionen der DDR. Hier war eine von der Regierung nie offiziell bekanntgegebene Anzahl von Menschenleben zu beklagen.
Nur knapp sechs Wochen später, Mitte Februar 1979, kehrte der Winter noch einmal mit aller Wucht zurück. Doch nun war man besser vorbereitet in der DDR.
In den 1990er Jahren haben sich besonders die Winterstürme Daria (1990), Lothar (1999) sowie Xaver (2013) und Egon (2017) nicht nur mit heftigem Wind, sondern auch mit Eis und üppigen Schnee in Erinnerung gebracht. Ein Winter mit besonders warmen Februar-Tagen ist sicher auch jüngeren Leuten in Erinnerung geblieben.





