„Unverzeihlicher Fehler“ nahe Jederitzer Brücke in Rathenow – Was aus dem Stadttor wurde – Steine verschollen
Die Jederitzer Brücke wurde im Laufe der letzten sieben Jahre zu einem spannenden Thema in Rathenow. Wie die Kommune vor 140 Jahren mit dem Jederitzer Tor umging, wirft einen großen Schatten auf die Stadtgeschichte jener Zeit.
Bei Sutton im Jahr 2020 erschienen, zeigt „Rathenow – Eine historische Bilderreise“ auf zwei gegenüber liegenden Seiten, wie die Jederitzer Brücke ursprünglich aussah. Bei Veröffentlichung des Buchs war die Brücke des 21. Jahrhunderts schon seit einigen Monaten für den Kraftverkehr gesperrt. Jetzt steht fest, dass an der Stelle etwas Neuartiges geschaffen wird, wobei unter Denkmalschutz stehende Geländer aus der Kunstepoche des Jugendstils weiter verwendet werden.
Als das ebenso abgebildete Jederitzer Tor vor 140 Jahren aus dem Stadtbild radiert wurde, gab es diese Metallelemente noch nicht und schon gar keinen Denkmalschutz. Zudem waren Autos gerade erst erfunden, in den Verkehr wurde 1886 zunächst nur das von Carl Benz gebracht. Kutschen und Fuhrwerke dominierten auch in Rathenow den zunehmenden rollenden Verkehr.
Das Jederitzer Tor sei als „Verkehrshindernis“ abgetragen worden, wie die Autorinnen der Bilderreise – Bettina Götze und Sylvia Wetzel – unter die Tor-Fotos schrieben. Ferner ist hier zu lesen: „Die Steine sollten aufbewahrt werden, sind aber seither verschollen“. Zu diesem Umstand geht Hobbygeschichtsforscher Werner Coch vom Heimatbund Rathenow e.V. ins Detail. Er liefert einen ausführlichen Beitrag zu Stadttoren und Stadtmauer im Historischen Internet-Lexikon Brandenburgs. Auf www.brandenburgikon.de lässt Coch über das an der Jederitzer Brücke zunächst wissen, dass es von allen Stadttoren am längsten existierte.
Diskussionen um die „Niederlegung“ des Jederitzer Tors sollen schon 1881 eingesetzt haben. Im Januar 1885 habe der Magistrat 600 Mark für den Abriss bewilligt, der im Januar 1886 begann. Der Regierungspräsident in Potsdam soll das Vorhaben allerdings nur unter der Maßgabe gebilligt haben, dass „die verbleibenden Materialien nach einem geeigneten Aufbewahrungsorte zum Zweck des Wiederaufbaues auf Kosten der Stadt“ transportiert werden. Der Königliche Baurat sei beauftragt worden, „die Arbeiten zu controllieren und dafür zu sorgen, daß der Abbruch und Transport in sorgfältiger Weise unter Schonung der brauchbaren Theile erfolgt“.
Eine gute Wiederaufbauidee gab es offenbar bereits: Coch nennt den Rathenower Superintendenten Arminius E.L. Glokke, der 1883 den Vorschlag gemacht haben soll, das Tor „an der Südgrenze der hochgelegenen dritten Abteilung des evangelischen Friedhofs aufzubauen. An dieser Stelle würde sich das kunsthistorische alte Bauwerk am besten präsentieren“.
Der Königliche Baurat habe Mitte Februar 1886 den vollzogenen Abriss gemeldet und der Aufsichtsbehörde mitgeteilt, dass „das verwendbare wertvolle Material in einem auf dem städtischen Lagerplatz besonders hergestellten Schuppen untergebracht ist“. Coch geht davon aus, dass sich der Lagerplatz dort befand, wo 1886/1887 die Hagenschule (heute Feuerwehrwache) gebaut wurde – unter Verwendung der Steine vom Jederitzer Tor. Coch zitiert Walther Specht (1873-1946) aus der Chronik der Stadt Rathenow von 1927, in der der altvordere Heimatforscher den Abriss des Jederitzer Tors als „einen unverzeihlichen Fehler“ bezeichnete, „der uns eines schönen Bauwerks im Stil der Spätrenaissance aus dem Jahre 1722 beraubt hat“.
Werner Cochs Beitrag im Brandenburgikon ist kostenlos und jederzeit verfügbar. Indessen kann „Rathenow – Eine historische Bilderreise“ von Bettina Götze und Sylvia Wetzel weiterhin über den Buchhandel für 19,99 Euro bezogen werden.





