Übergestrichene FDJ-Parole am Steintorturm in Brandenburg an der Havel
Weiß übergestrichen ist etwas am Steintorturm in der Brandenburger Neustadt (Steinstraße). Mit gutem Auge und Geschichtsverständnis lässt sich durchaus entschlüsseln, was hier vor 80 Jahren mit roter Farbe angepinselt wurde.
Der Krieg endete 1945. Im Osten diktierte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) den gesellschaftlichen Kurs. Hiesige Kommunisten und Sozialdemokraten waren seit April 1946 zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) fusioniert. Im übernächsten Monat rückte Brandenburg an der Havel in den roten Fokus.
Im März 1946 gegründet, sollte hier zu Pfingsten das 1. Parlament der FDJ tagen. Politeifer dürfte dazu bewogen haben, mit roter Farbe die Parole „Es lebe die Freie Deutsche Jugend“ an den Turm zu pinseln. Farbspraydosen gab es damals noch nicht.
Erwartet wurden mehrere hundert Delegierte. Gastgeber war der spätere DDR-Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker. Als 34-Jähriger war er im März zum 1. Vorsitzenden der FDJ gewählt worden. Er wurde sozusagen zum Prototypen dessen, wie sich die SED ihre Politreserve wünschte. Honecker war bis 1955 die Speerspitze der Freien Deutschen Jugend der DDR, die 1954 im Westen zur verfassungsfeindlichen Organisation erklärt und verboten worden war.
Im späteren Statut des Jahres 1959 stand unter anderem: „Die Mitglieder der Freien Deutschen Jugend betrachten es als ihre Ehre und Pflicht, den Frieden, ihre sozialistische Heimat und die großen Errungenschaften des Arbeiter-und-Bauern-Staates selbstlos und aufopferungsvoll zu verteidigen und sich vormilitärische Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Der Dienst in den bewaffneten Organen der Deutschen Demokratischen Republik ist für jedes Mitglied der Freien Deutschen Jugend eine Ehrenpflicht.“
Damit die Jugend mit einstimmen konnte, wurden im Musikunterricht an Schulen muntere Lieder gelehrt, die viele noch im Ohr haben dürften: „Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!“ oder „Vorwärts, Freie Deutsche Jugend! Der Partei unser Vertrauen!“. In der DDR wurden Millionen junger Leute in die FDJ gelockt bzw. genötigt. Zuletzt war der Beitritt wie ein gesellschaftlicher Automatismus, der kaum hinterfragt wurde. Nur wenige hatten sich dem versagt. Der offizielle Gruß lautete: „Freundschaft!“
Für folgende FDJ-Parlamente bestand kein fester zeitlicher Turnus. Mal lagen ein, zwei oder drei Jahre dazwischen, in der Spitze sogar vier bis fünf. Die letzten vier Parlamente tagten in (Ost-)Berlin. Als wieder Brandenburg an der Havel an der Reihe sein sollte, fiel das 13. Parlament der oppositionellen Protestbewegung zum Opfer und wurde abgesagt. Das war Ende Januar 1990.
Staats- und Parteichef Erich Honecker war da bereits aus allen Ämtern gedrängt worden. Seine Ära endete kurz vor dem Mauerfall. Zum 40. Republikgeburtstag war er noch der starke Mann gewesen. Und am Vorabend des 7. Oktober 1989 waren noch etwa 100.000 FDJler per Fackelzug durch die Mitte der DDR-Hauptstadt marschiert. Kaum zwei Monate später waren die Blauhemden der FDJ größtenteils für immer abgelegt. In der Folge erübrigte sich die Parole am Brandenburger Steintorturm.





