Portal in Anderswelt: Fouqué und ein Wunderbrunnen im Havelland
Es gibt Brunnen, die haben Literaturgeschichte schrieben. Schon Kinder erfahren von einem Exemplar mit sprechendem Frosch und einem mit Direktverbindung zum Himmel. Fortgeschrittene wissen auch von einem nahe Rathenow ersonnenen Brunnen, der eine Parallelwelt mit unserer verbindet.
In Buckow (Havelländisches Luch / Amt Nennhausen) hält sich die Legende, wonach es dort einen Wunderbrunnen gegeben haben soll. Unklar, ob dieser primär, sekundär oder überhaupt Pilger des Spätmittelalters zur Buckower Wallfahrtskirche lockte. Sehr naheliegend ist, dass lediglich Wunderblutwallfahrten und sieben Jahre Sündenerlass zogen, sodass Buckow-Pilger nach dem Tod sieben Jahre früher aus dem Fegefeuer in den Himmel gelangen konnten.
Der Förderverein der Kirche geht seit Jahren der Frage nach, worum es sich bei einer kreisrunden Fußbodenstörung inmitten des Kirchenschiffs handelt oder ob der sogenannte Wunderbrunnen vielleicht auf dem Kirchhof zu finden sein könnte. 2020 ließ man dort archäologische Experten graben, was aber keinen Hinweis auf die Existenz erbrachte.
Nun ist es ja so, dass Brunnen schon immer der Wasserversorgung dienten. Wie Menschen darauf kamen, einen zum Frosch verzauberten Prinzen hineinzudenken, ist äußerst rätselhaft. Nicht weniger irrsinnig wird es bei Frau Holle. Denn die Gold- und die Pechmarie gelangen erst durch einen Brunnen in das Reich, in dem die alte Frau ihre Betten schüttelt, damit es auf Erden schneit.
Das fleißige Mädchen hatte sich zuvor bei mühseliger Beschäftigung mit Garn und Spindel die Finger blutig gearbeitet, ehe sie das Blut mit Brunnenwasser abspülen wollte, in den Schacht fiel und dadurch auf einen mystischen Weg gebracht wurde. Das faule Mädchen sprang einfach in den Brunnen, um zu Frau Holle zu gelangen. Wer kommt denn auf sowas?
Vielleicht entsprang die Inspiration der germanischen Mythologie. Laut dieser gibt es am Stamm des Weltenbaums einen Brunnen. In diesem befindet sich die Quelle des Schicksals. Drei Frauen (Nornen) spinnen dort die Schicksalsfäden. Sie stehen offenbar für Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Frau Holle als eine dreieinige Norne, die im Volksglauben christianisiert und in den Himmel gehievt wurde? Auf jeden Fall soll zum Schicksalsbrunnen jene übernatürliche Brücke führen, die die Verbindung zur germanischen Götterwelt darstellt.
Ist also der Brunnen der Nornen wie ein Portal zu verstehen, durch das es in Parallelwelten geht? Erstaunlicherweise hat ein literarisch bewanderter Vertreter des frühen 19. Jahrhunderts einen solchen Übergang in sein weltberühmt gewordenes Märchen eingebaut – etwas Science-Fiction in der Literaturepoche der Deutschen Romantik!
In nur etwa vier Kilometer (Luftlinie) von Buckow entfernt hatte Friedrich de la Motte Fouqué (1777-1843) im Nennhausener Schlosspark die „Undine“ geschrieben. Dieses Anderswesen stammte aus einer Welt unterhalb der Oberfläche eines von dichtem Wald umgebenen Sees. Die Tochter eines am Ufer lebenden Fischerehepaars ertrank im See. Wenig später tauchte die klatschnasse Undine bei ihnen auf und erzählte eher wirres Zeug über die Welt, aus der sie stammte. Späterhin mündet die sich entwickelnde Liebesgeschichte mit einem Ritter in einer Tragödie. Die zutiefst betrübte Undine fährt dabei durch einen Schlossbrunnen auf.
Der Geburtstag des Dichters jährt sich 2026 zum 250. Mal. Wie Fouqué auf jene Elemente kam, die Lesern vertraut sind, ist sein Geheimnis geblieben. Allerdings ließe sich für das Gewässer der dem Schloss nahe gelegene Gräninger See (rund zwei Kilometer Luftlinie) durchaus in Betracht ziehen. Wie es auf www.graeningen.de unter „Wahre Begebenheiten am Gräninger See“ heißt, kam es zu Fouqués Lebzeiten zu einem Unglück. Drei Jungs waren per Kahn auf den See gerudert und ertranken. Der Dichter reimte aus diesem tragischen Anlass tröstende Verse, die auf der Internetseite zu lesen sind. Damit dieses Unglück zur Inspirationsquelle hätte werden können, müsste es vor 1811 geschehen sein. In dem Jahr hatte Fouqué die „Undine“ veröffentlicht.
Ebenso denkbar ist es, dass der romantisch veranlagte Dichter die Legende oder das Wissen um sonderbare Eigenschaften eines Buckower Wunderbrunnens in seiner „Undine“ verarbeitet hat. Jedenfalls gibt der Förderverein auf www.wallfahrtskirche-buckow.com den heutigen Besuchern des Dorfs mit auf den Weg: „Vielleicht entdecken Sie den Wunderbrunnen, von dem eine jahrhundertealte Legende berichtet.“





