Ostara: Opferten die Germanen Hasen und Eier einer Frühlingsgöttin?
Germanen im Havelländischen und in anderen Teilen Brandenburgs: Das ist eine wahre Geschichtsstory. Wohl ein romantischer Irrtum ist aber eine mutmaßlich germanische Frühlingsgöttin namens Ostara. Und wie steht es um Frau Harke?
Geht es um die germanische Siedlungsphase in Brandenburg und anderswo ist von „Römischer Kaiserzeit“ die Rede. Einige Stämme siedelten auch zwischen Elbe und Oder. Das archäologische Fundbild sei reichhaltig und biete Einblicke in die damalige Lebenswelt, wie es 2025 aus dem Archäologischen Landesmuseum hieß. Es mangele allerdings an archäologischen Hinweisen auf religiöse Vorstellungen und Praktiken.
Das ist eine Grauzone, in der manche Thesen aus der Vergangenheit zur Gewissheit in der Gegenwart wurden. Eine prominente These stammt von keinem Geringeren als dem zur Blütezeit der deutschen Romantik tätigen Germanisten Jacob Grimm (1785-1863), der durch die mit seinem Bruder Wilhelm (1786-1859) ab 1812 herausgegebene Sammlung deutscher Kinder- und Hausmärchen sehr bekannt wurde. Jacob veröffentlichte auch das Sachbuch „Deutsche Mythologie“, auf dem noch heute das vermeintliche Wissen um eine Frühlingsgöttin Ostara beruht.
„Ihr sollen im Frühjahr Hasen und Eier geopfert worden sein. Das wäre zwar eine wunderbar simple Erklärung für unser Osterfest, aber leider ist es nicht so einfach: Die Existenz einer solchen Gottheit ist nicht erwiesen“, wie es auf der Internetseite des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens zur Ostara heißt. Keine antike Quelle erwähne sie. Der einzige Hinweis stamme von einem englischen Priester.
„Sein Name war Beda Venerabilis. Er lebte im 8. Jahrhundert. Er war einer der klügsten Köpfe des frühen Mittelalters und schrieb mehrere Bücher – auch eines über die Jahreszeiten“, wie weiter berichtet wird. Im Buch erwähne er, dass die Göttin „Eostre“ dem Ostermonat seinen Namen verliehen habe – „Jacob Grimm, der berühmte Märchensammler, glaubte dieser Quelle. Er vermutete, dass diese Göttin eine Form der griechischen Göttin Eos, die Göttin der Morgenröte, sei. Seitdem wurde diese Theorie immer wieder abgeschrieben, oft ohne sie zu prüfen. Mitunter wurden auch völlig neue Dinge hinzugedichtet. So ist es völlig frei erfunden, dass der Göttin Eier und Hasen geopfert wurden.“
Bestenfalls vage ist indessen die Annahme, dass eine ebenso weibliche Gottheit der Germanen zur Schutzpatronin von Havelland und Elb-Havel-Winkel wurde. Die der Sagenwelt entlehnte Frau Harke ist von ihrem mutmaßlichen Wohnplatz, dem Frauharkenberg bei Kamern, bis in den Natur- und Sternenpark Westhavelland hinein bekannt. Aber hier hatten lange andersgläubige Slawen gelebt, die ein, zwei Jahrhunderte nach Abwanderung der germanischen Stämme hier sesshaften geworden waren. Ab dem Mittelalter vollzog sich ein religiöser Kulturwandel hin zum Christentum. Wie also soll sich die Erinnerung an eine Frau Harke aus germanischer Phase erhalten haben?
Ausgeschlossen ist es nicht, dass bei Kontakt mit hier verbliebenen Germanen die slawischen Neuankömmlinge mit einem Frau-Harke-Kult in Berührung kamen und den Namen folgenden Generationen überlieferten. Es gibt noch heute gebräuchliche Namen, deren Ursprung in germanischer Zeit zu finden ist. „Havel“ ist ein bedeutendes Beispiel. Es könnte durchaus zu sprachlichem und auch zu kulturellem Austausch gekommen sein.
Ebenso denkbar ist es, dass sich die Erinnerung an eine Frau Harke bei den Christen westlich der Elbe erhalten hatte. Mitte des 12. Jahrhunderts setzte von Westen her die Landnahme östlich von Elbe und Havel ein. Nicht ausgeschlossen, dass sich Frau Harke im geistigen Gepäck mancher Neusiedler befand. Historischer Fakt ist derweil, dass die einst westlich der Elbe lebenden Christen im Grunde sächsischen Ursprungs waren.
Die Sachsen wurden allerdings bereits in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts zwangsmissioniert. Davor, aber sicher noch lange insgeheim danach, glaubten sie an germanische Gottheiten. Zum Herzog der Sachsen wurde vorübergehend (1138-1142) auch mal Albrecht der Bär, der 1150 das Havelland erbte. Der Elb-Havel-Winkel war zuvor bereits in Besitz des Erzbischofs von Magdeburg gelangt. Damals undenkbar, doch im 21. Jahrhundert vollbracht: Es gibt inzwischen einen Frau-Harke-Sagenpfad.
Die erste Station auf Elb-Havel-Winkel-Gebiet des Landkreises Stendal wurde 2011 geschaffen, weitere folgten. 2015 erreichte der Pfad in Steckelsdorf den Landkreis Havelland und quert längst in Rathenow die Havel.





