Malteserkreuz, Luftgespenster und Zeitreisende bei Rathenow? – Was ist da los?
Sagen und echte Überlieferungen: Es gibt wohl keinen anderen Ort im Havelland, der derart mystisch aufgeladen ist, wie der Markgrafenberg zwischen Rathenow und Bamme.
Ein nahes riesiges Kreuz im Boden des Waldes, ein Feuer sprühendes Pferd und ein Treffen von 19 Markgrafen, wovon sich der Name des Hügels herleitet, sowie ein überliefertes Windphänomen stehen für sonderbare Storys. Was das real existierende Kreuz betrifft, handelt es sich längst um ein havelländisches Bodendenkmal.
Vor Jahren konnte man auf BRAWO-Anfrage nur von hoher Wahrscheinlichkeit sprechen, was seinen Sinn betrifft. Ganz sicher sind sich die HVL-Denkmalschützer also nicht. Die Anfrage wurde wie folgt beantwortet: „Etwa um 1850 wurde in Rathenow das Waldemarfest eingeführt. Dazu wurde auch der Markgrafenberg mit einbezogen, einerseits der Sagen um den Markgrafen wegen, aber andererseits auch wegen der romantischen Lage und dem daher für Rathenower beliebten Ausflugziel. Im Zusammenhang mit den Waldemarfesten wurde dann auch mit hoher Wahrscheinlichkeit das symbolhafte Malteserkreuz als sichtbarer Ausdruck der Verehrung der Vorfahren angelegt.“
Derweil bestehen bei heimatgeschichtlichen Hobbyforschern und Laien einige teils wilde Spekulationen über die Entstehung. Mancher meint gar, das Kreuz sei vorchristlichen Ursprungs. Ganz sicher nicht von dieser Welt müsste jenes Pferd stammen, von dem Adelbert Kuhn in seinem 1843 erschienenen Buch „Märkische Sagen und Märchen“ berichtet hat. Er meinte zu wissen, „dass es am Markgrafenberg nicht recht geheuer ist, denn oft lässt sich dort ein Pferd sehen, dem Feuer aus Maul und Nase sprüht, und schon manchen, der dort in der Nacht vorüberging, hat es in Furcht und Schrecken gesetzt.“
Indessen wird die Zahl 19 im Zusammenhang mit einem überlieferten Treffen auf dem Markgrafenberg nicht mal von der Wissenschaft angezweifelt: „Rathenow erlangte große Bedeutung als Aufenthaltsort der Askanier. Hier sei besonders auf die Zusammenkunft der 19 Markgrafen aus askanischem Haus auf dem Markgrafenberg bei Rathenow im Jahr 1290 hingewiesen.“ So steht es im Buch „Städtische Siedlungen im Mittelalter (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin)“, erschienen 2013 bei de Gruyter. Autoren sind die Historiker Felix Escher und Wolfgang Ribbe. Wer aber die völlig aus der Luft gegriffen zu scheinende Zahl 19 mit der märkischen Realität in Einklang bringen möchte, hat nur eine Chance. Man muss alle männlichen Familienvertreter dieser brandenburgischen Dynastie – vom ersten bis zum letzten Mann (1150 bis 1320) – zusammenaddieren. In der Endkonsequenz müssten praktisch alle, die sich an die 19 klammern, von Zeitreisenden ausgehen, herbei gereist aus Vergangenheit und Zukunft. Markgraf Waldemar selbst war erst nach 1300 an die Macht gelangt. In seinem Todesjahr (1319) vermachte er der Stadt ein großes Stück Wald, in dem sich der Markgrafenberg befindet.
Quelle des Wissens um die 19 ist ein Geistlicher namens Christoph Entzelt. In den 1550er Jahren war er als Pfarrer in Rathenow tätig und dürfte zu der Zeit in Erfahrung gebracht haben, woher der Markgrafenberg seinen Namen hat. Denn Entzelt erwähnt den Zusammenhang mit den Landesherren in seiner „Altmärkischen Chronik“, die er 1579 geschrieben hatte. Dabei taucht auch die 19 mit auf.
Was einem bei Ritt oder zu Fuß am Markgrafenberg passieren kann, hat der Geistliche Samuel Christoph Wagener in sein Buch „Die Gespenster: Kurze Erzählungen aus dem Reiche der Wahrheit“ (Band 2/erschienen 1798) geschrieben. Demnach wurde ein Offizier in einer Herbstnacht des Jahres 1796 zum Zeugen eines seltsamen Phänomens, ein „schnell daherrauschendes Sausen, ein Ungestüm in den Baumzweigen und allerlei Töne von Geschöpfen, denen er in der ganzen Natur nichts zu vergleichen hatte“. Ferner überlieferte Wagener: „Es heulte und schwirrte und pfiff und rauschte immer fürchterlicher um ihn her“. Der berittene Offizier meinte wahrzunehmen, wie „Luftgespenster“ an ihm vorüber und zwischen seinem und dem Pferd seines Dieners durchfliegen würden. Schon im Frühjahr 1772 soll ein per Kutsche gereister Zivilist zu mitternächtlicher Stunde ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Eine Art von Sturmwind folgte auf die bisherige Windstille. Er schien die ganze ruhige Natur um ihn her in Aufruhr bringen zu wollen“, so Wagener. Auch hier drohten die Pferde durchzugehen, auch hier dauerte der Spuk etwa fünf Minuten lang.





