Mai 2026: Kirche des Monats steht zwischen Nauen und Rathenow
Regelmäßig kürt der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. ein regionales Gotteshaus zur Kirche des Monats. Auf diese Weise kommt Retzow im Mai 2026 groß raus. Von Andreas Flender
Es ist eine sehr lange Geschichte, die die Feldsteine der Kirche erzählen könnten. 1269 schenkten die gemeinschaftlichen Markgrafen Johann II., Otto IV. und Konrad I. die Pfarre „Ritzzowe“ dem brandenburgischen Domkapitel. Der Dom liegt etwa 35 Kilometer entfernt und beherbergt die dazu gehörende Besitzurkunde. Retzow ist heute eine Gemeinde mit rund 500 Einwohnern und gehört zum Amt Friesack.
Man betritt den Kirchhof zwischen zwei kannelierten Säulen. Diese erinnern mit ihren Inschriften und Intarsien an die Gutsbesitzerfamilie von Euen. Ihr Wappen besteht aus einem liegenden Baumstamm mit drei Eicheln. Das ursprüngliche Gebäude muss in den Wirren des 14. Jahrhunderts mehr oder weniger zerstört worden sein.
Berichtet wird davon, dass es zeitweilig vier Güter in Retzow gab, darunter die namensgebende Familie von Retzow sowie die Familien von Bardeleben, von Erxleben und von Bredow. Das Walmdach wurde mit welscher Haube und einer verbretterten Laterne ausgeführt. An der Wetterfahne können einige Bauphasen bzw. Instandsetzungen abgelesen werden: 1728 durch Christoph von Bredow, 1925 und 1988 durch dessen Nachkommen.
Unter der Haube befinden sich zwei Glocken aus dem 17. Jahrhundert. Wie üblich wurden Bronzeglocken in den Weltkriegen aus den Kirchen abgeholt, so auch in Retzow. Im Ersten Weltkrieg musste bereits eine abgegeben werden. Eine weitere Glocke folgte 1944 im Zweiten Weltkrieg. Letztere wurde jedoch zur Freude der Retzower im Hamburger Glockenlager nach Kriegsende aufgefunden und 1949 in Retzow wieder aufgehängt.
Der heute noch gut erhaltene östliche Teil des Kirchenschiffs mit dreiseitigem Schluss wurde Ende des 15. Jahrhunderts erbaut, der Querturm aus Backstein kam Anfang des 16. Jahrhunderts hinzu. Während beim Kirchenschiff noch aus dem Vorgängerbau vorhandene Feldsteine zusammen mit Backstein verwendet wurden, besteht der Turm bereits vollständig aus Backstein.
Man betritt die Kirche durch das spitzbogige Westportal, das einfach abgestuft unter einer schlichten hohen Spitzbogenblende angeordnet und mit gotischen Türbändern ausgestattet ist. Eine größere Umbaumaßnahme ist aus dem Jahr 1728 dokumentiert. Die ursprünglich spitzbogigen Fenster wurden damals zu Korbbögen vergrößert, über dem Putzfries setzt das Traufgesims an.
Der heutige Kirchenraum ist nach oben durch eine flach geputzte Decke begrenzt. Sie war wohl ursprünglich gewölbt. Das Kreuzgewölbe im Turmraum wurde wohl nie ausgeführt. Die einzelnen Schichten und Bauabschnitte sind dank einer sehr zurückhaltenden Restaurierung in den vergangenen Jahrzehnten noch weithin sichtbar.
Verschiedene Grabsteine und Epitaphe sind in der Kirche erhalten, dazu gehören der Grabstein des langjährigen Pfarrers Curtis aus dem 17. Jahrhundert und die sandsteinenen Epitaphien der Adelsfamilien. Der Kanzelaltar (1723), ein Tauftisch vermutlich von 1690, eine im Jahre 1609 gestiftete Taufschale und eine bespielbare Orgel von Friedrich Hermann Lütkemüller aus dem Jahre 1847 sind die Prinzipalstücke unter den wertvollen Kunstschätzen der Dorfkirche.
Von der letzten großen Baumaßnahme in den 1980er Jahren datieren die Entfernung der Patronatslogen und eine Sanierung des Fußbodens. Anfang der 1990er Jahre wurde das Kirchendach neu eingedeckt. 1996 fanden erste restauratorische Untersuchungen des Innenraums statt, von denen die Restaurierungsfenster (eine fächerartige Freilegung vorgefundener Farbschichten) zeugen. Eine Fortsetzung blieb bis heute aus, sicher auch dem Umstand geschuldet, dass der letzte Pfarrer 2007 aufhörte und die Gemeinde seither über lange Zeit in einer Vakanz betreut wurde.
Insgesamt hat sich die Kirche ihren ursprünglichen Charakter weitgehend erhalten können. Sie wird nach wie vor regelmäßig genutzt und profitiert dabei von einer gut funktionierenden Dorfgemeinschaft, dem nahegelegenen kircheneigenen Friedhof und dem benachbarten Pfarrhaus. Auch wenn der Pfarrer längst viele weitere Orte zu betreuen hat, gibt es wieder einen Ansprechpartner vor Ort. Die Gründung eines Fördervereins ist im Gespräch, wie auch die Fortsetzung der nötigen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten. Dafür wird in den nächsten Jahren nicht nur ein langer Atem, sondern auch viel Geld erforderlich sein. Spendenkonto bei der Evangelischen Bank: Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V., IBAN: DE94 5206 0410 0003 9113 90, Verwendungszweck: Dorfkirche Retzow (HVL).





