Kirchberg in Rathenow: Brille vor Dunckers Geburtshaus bestattet
Stadt der Optik und Brille: Wer sich am Zeitstrahl der optischen Industrie zum Anfang bewegt, gelangt zu jenem Erfinder, der in der Rathenower Erinnerungskultur mit einer eigenen Brille nicht in Verbindung gebracht wird.
Johann Heinrich August Duncker (1767-1843) war augenscheinlich kein Brillenträger. Denn jegliche Darstellungen von ihm zeigen ihn ohne, also auch das Denkmal auf dem Dunckerplatz am Rathenower Hauptbahnhof bringt ihn mit Brille nicht in Verbindung. Auf der dortigen Infotafel tauchen aber „Brillen“ in Dunckers Firmenportfolio mit auf.
Am 10. März 1801, was sich im kommenden Monat zum 225. Mal jährt, wurde Dunckers „Vielschleifmaschine“ patentiert, ferner ist die königliche Betriebserlaubnis für sein Unternehmen auf den Tag datiert. Der 10. März steht für die Geburt der optischen Industrie, die Rathenow zwischenzeitig zu einer exklusiven „Stadt der Brille“ machte.
Denn zu DDR-Zeiten wurde hier für das ganze Land produziert. Bei der Fielmann AG ist das Tochterunternehmen Rathenower Optik GmbH der einzige Brillenstandort in Deutschland. Freilich machen etliche andere Unternehmen vor Ort auch in Brillen und weitere Sehhilfen. Was wäre es für eine Sensation, würde die Geschichtsforschung zur Erkenntnis gelangen, dass auch Duncker Brillenträger war und ein vom Industriepionier selbst getragenes Exemplar präsentieren könnte.
Das Optik-Industrie-Museum im Dachgeschoss des Kulturzentrums kann zumindest ein Produkt zeigen, dass vom Hersteller am Metallbügel mit „Duncker“ gestempelt wurde. Wer weiß, vielleicht liegt – sofern der Hersteller selbst Brillenträger war – ein Exemplar in Dunckers Grab auf dem evangelischen bzw. historischen Friedhof. Dass ihm durchaus eine Brille auf dem letzten Weg mitgegeben worden sein könnte, ist nicht ganz aus der Rathenower Luft gegriffen.
Denn bei einem Doppelgrab (Mann/Frau) vor Dunckers Geburtshaus, Kirchplatz 12, war das nachweislich der Fall gewesen. Archäologe Oliver Ungerath berichtet darüber in einem Grabungsbericht auf ungerath.de. Demnach war die Brille dem männlichen Bestatteten in die Armbeuge gelegt worden.
Allerdings muss es sich noch um handwerklich angefertigte Brillengläser handeln, da das Grab grob auf das Jahr 1800 datiert wurde. Schwerpunkt damaliger Brillenproduktion in Deutschland war Nürnberg. „Beide Gläser sind offensichtlich plan und waren nicht geschliffen!“, so Ungerath und fragte sich, ob es sich bei den hier bestatteten Personen wohl um Dunckers Eltern handeln könnte. Allerdings sind die Brillengläser im Grab zerborsten, das Gestell ist stark korrodiert.





