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Sonntag, 14. Juni 2026

Ingo Kahlisch seit 1989: das Steh-auf-Männchen vom Vogelgesang in Rathenow

Brandenburg a. d. Havel, Havelland, Rathenow
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Der 69-jährige FSV-Optik-Trainer Ingo Kahlisch am vorigen Samstag, 16. Mai 2026: Seine Mannschaft sicherte sich mit einem 1:1 im Auswärtsspiel beim FC Viktoria 1889 Berlin den Klassenerhalt in der Oberliga Nord. Foto: Andre Rekulowitsch 

Seit 225 Jahren optische Industrie in Rathenow: Im Jubiläumsjahr lohnt auch ein Blick zum FSV Optik Rathenow, der durch seinen Namen die Branche überregional im Sport bekannt macht. Die komplette 35-jährige Geschichte des Fußballsportvereins ist mit Trainer Ingo Kahlisch verwoben.

Sommer 1990: Für die WM in Italien hatte sich die Fußballnationalmannschaft der DDR mit Trainer Eduard Geyer nicht qualifiziert, die der Bundesrepublik Deutschland mit Trainer Franz Beckenbauer gewann den Titel. In der Rückblende auf die abgelaufene Punktspielsaison war für das Gros der Brandenburger Fußballfreunde auch der Klassenerhalt der BSG Stahl Brandenburg in der DDR-Oberliga ein wichtiges Ereignis. 

Zwei Etagen tiefer, in der Bezirksliga Potsdam, hatte sich die BSG Chemie Premnitz den ersten Platz gesichert und die BSG Motor Rathenow um vier Ränge auf den 3. Platz verbessert. Das war der erste Streich des Ingo Kahlisch, der vor Saisonstart die Mannschaft am Vogelgesang übernommen hatte. Der Trainer und Fußballlehrer blieb dem Vogelgesang bis heute treu.

Union Berlin, Motor Babelsberg und Kabelwerk Oberspree (KWO) Berlin waren Kahlischs Stationen als Spieler. In Luckenwalde wurde er erstmals als Trainer tätig. Schon seine zweite Stelle sollte ihn auf Dauer binden. Die Fußballehe mit Rathenow wurde im Winter 1989 geschlossen. Kahlisch wurde technischer Leiter, im Juli zum Cheftrainer. 

Die wiedererlangte deutsche Einheit und der Neuanfang Brandenburgs als Bundesland brachten auch im Vereinssport einige Veränderungen mit sich. Aus der Betriebssportgemeinschaft (BSG) ging 1990 der Sportverein (SV) Optik Rathenow hervor, seit Februar 1991 gehen die Fußballer ihren eigenen Weg. Der Fußballsportverein (FSV) trat in der Landesliga an, die zur Saison 1990/1991 aus den drei Bezirksligen (Potsdam, Cottbus, Frankfurt/Oder) gebildet wurde. Schon in der zweiten Spielzeit holte Ingo Kahlischs FSV Optik die Brandenburger Meisterschaft und stieg eine Klasse höher. Das war der zweite Streich. Weitere sollten folgen.

Die damaligen Oberligen bildeten sozusagen die dritte Fußballebene unter Bundesliga und 2. Bundesliga. Vom Profitrip des kurzzeitigen Zweitligisten Stahl Brandenburg profitierte insbesondere der FSV Optik, zu dem einige junge und hervorragend ausgebildete Spieler wechselten, die wegen des jetzt bestehenden Profiüberhangs im Stadion am Quenz keine Zukunft mehr für sich sahen. Ingo Kahlisch schaffte sodann etwas, mit dem wohl niemand in der Region ernsthaft gerechnet hätte. 

Indem zur Saison 1994/1995 in Deutschland Regionalligen entstanden, wurden die Oberligen zur Viertklassigkeit degradiert. Dem FSV gelang der Sprung auf eine Ebene, in der es nun unter anderem gegen den 1. FC Union Berlin und den FC Energie Cottbus ging. Kahlischs Männer hielten hier die Klasse, während es für den BSV (vormals Stahl) Brandenburg weiter nach unten ging. Das war der Moment, in dem der FSV Optik Rathenow zur unangefochtenen Nummer 1 in der havelländischen Fußballregion wurde. Daran änderte auch der Abstieg des Jahres 1996 nichts.

2005 ging es noch tiefer. Woanders wäre der Trainer gegangen oder gegangen worden. Ingo Kahlisch blieb, erfand sich neu. 2007 und 2012 folgten erneute Aufstiege. Nach Einführung der 3. Liga bildeten die Regionalligen die vierte Fußballebene. Mancher fragte sich, was der Kahlisch da bewegen will. Mit vergleichsweise mickrigen Etats ausgestattet, war – so könnte man resümieren – der FSV Optik für die semiprofessionelle Regionalliga Nordost zu schwach, aber für die Oberliga Nord zu stark. 2014 ging es abermals runter, 2015 wieder hoch. 2016 folgte der erneute Abstieg, auf den 2018 der nächste Aufstieg folgte. Diesmal währte die Klassenzugehörigkeit bis 2022.

In die Fahrstuhlphase fallen zwei Landespokalsiege. 2013 und 2014 holte der FSV den Brandenburger Pott und qualifizierte sich für die ersten Runden des DFB-Pokals. Am 16. August 2014 sahen rund 4.500 Zuschauer am Vogelgesang, wie sich der FSV dem FC St. Pauli mit 1:3 geschlagen geben musste. Man mag es kaum glauben, dass Steh-auf-Männchen Kahlisch schon wieder auf der Trainerbank saß. Er befand sich auf dem Weg der Genesung nach einem Schlaganfall, den er im Frühjahr erlitten hatte.​

Zum letzten Top-Ereignis aus FSV-Sicht wurde im Mai 2019 das Landespokalfinale gegen den FC Energie Cottbus. Die Niederlausitzer gewannen. In der ersten Runde des DFB-Pokals trafen sie auf den FC Bayern München. Ab Winter 2020 wurde Corona auch im Regionalliga-Fußball zu einem bestimmenden Thema.​

Seit dem Abstieg nach der Saison 2021/2022 ist der FSV Optik Rathenow wieder ein Oberligist (5. Liga). Zum außergewöhnlichen Ereignis wurde im Januar 2025 ein Testspiel. Erstmals traf der Fußballsportverein auf eine Nationalmannschaft. Dass es ausgerechnet die nordkoreanische war, hat einen plausiblen Grund. Die Auswahl und der FSV hatten sich für Trainingslager in der Türkei im selben Hotel einquartiert. Das Testspiel war schnell verabredet. Die Nordkoreaner siegten mit 6:0.

Der FSV gehört auch in der Saison 2026/2027 der Oberliga Nord an. Ingo Kahlisch darf zufrieden sein und sich im Sommer auch mal feiern lassen. Denn am 5. August wird er 70.

Der Rathenower Heimatkalender 2026, in dem der Beitrag erschien, ist in verschiedenen Geschäften und Einrichtungen erhältlich. Online-Bestellung und -Versand sind über www.rathenower-heimatbund.de möglich.

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