In Friesack und Plaue: Waren die von Quitzow tatsächlich fiese Raubritter?
Die Altmark jenseits der Elbe, die Neumark östlich der Oder und die Mittelmark mit dem Havelland im Zentrum – das waren einst die drei territorialen Säulen Brandenburgs. Mit den von Quitzow wurde 1414 eine mittelmärkische Regionalmacht ausgeschaltet. Warum ihr Bezwinger auch in Friesack groß rauskam.
Strategisch wichtige Orte an Flussübergängen: Plaue an der Havel und Friesack am Rhin haben über stattliche Burgen verfügt, die in den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts durch Erbschaft bzw. Erwerb völlig legal in den Besitz der von Quitzow übergegangen waren. Ebenso übten sie ab 1408 die Kontrolle über die ummauerte Havelstadt Rathenow aus. Allmählich dürften die von Quitzow einen für den Kurfürsten bzw. Markgrafen von Brandenburg nicht mehr oder nur schwer kontrollierbaren Gegenmachtfaktor gebildet haben, was zwangsläufig zur Schwächung der Oberherrschaft geführt hätte.
Das war aber dem damaligen Landesherren augenscheinlich egal. Die Quitzows gehörten zu seinen Gläubigern. Etwa Rathenow wurde wegen permanenter Geldnot, in der sich der weit entfernt residierende Jobst von Mähren befand, mal eben verpfändet. Als er 1411 starb, sollte sich die Windrichtung für die Quitzows alsbald dramatisch ändern.
Eigentlich war der in Ungarn residierende Sigismund der Landesherr, hatte aber ganz Brandenburg an seinen Vetter Jobst verpfändet. Nach dessen Tod 1411 fiel die Mark an Sigismund zurück. Ferner wurde er in dem Jahr zum deutschen König und machte den Burggrafen von Nürnberg zum Statthalter und später auch zum offiziellen Landesherren Brandenburgs. Das steht am Anfang der märkischen Hohenzollern-Geschichte, die bis 1918 andauern sollte.
Wohl in Verklärung des landesherrschaftlichen Wirkens der Hohenzollern wurden Hans und Dietrich von Quitzow von der Geschichtsschreibung sozusagen kaputt geredet und als fiese Raubritter verpönt. Das zumindest legt ein sehr aufschlussreicher Internet-Beitrag im „Brandenburgikon“ unter dem Stichwort „Raubritter“ nahe. Als Autor tritt der Germanist und Historiker Clemens Bergstedt in Erscheinung, der in der Burg Ziesar (Landkreis Potsdam-Mittelmark) das Museum für brandenburgische Kirchen- und Kulturgeschichte des Mittelalters leitet. Er liefert zum besseren Verständnis wichtige Infos über einen Angestellten der Neustadt Brandenburg namens Engelbert Wusterwitz – ein Zeitgenosse der Quitzows und des ersten Hohenzollern im Land.
Bergstedt: „Der Schreiber aus der Neustadt Brandenburg hatte die wachsende Adelsmacht unter einer vorrangig aus der Ferne agierenden und somit als schwach empfundenen Landesherrschaft als Hauptkonflikt seiner Zeit ausgemacht, was sich in einer dezidiert antiadligen Perspektive seiner Darstellung niederschlug. Am Beispiel der Quitzow-Brüder, die er aus eigenem Erleben kannte, illustrierte er diesen Konflikt. Das führte nicht nur zu einer einseitig negativen Charakterisierung des Brüderpaars, sondern als Konsequenz der Figurenanlage zu einer Überhöhung ihrer Gegenspieler.“
Viele regionale Geschichtsinfos aus den drei Jahrzehnten seit etwa 1390 gehen auf Engelbert Wusterwitz zurück. Er wurde zu einer der bedeutendsten Quellen für die Erforschung der Anfangszeiten der Hohenzollern. „Der Gegensatz zwischen den Quitzow-Brüdern und dem ersten Hohenzollern in der Mark Brandenburg, Burggraf Friedrich VI. von Nürnberg beziehungsweise Markgraf Friedrich I., wurde von nachfolgenden Geschichtsschreibern, die die Wusterwitz-Aufzeichnungen entweder direkt oder indirekt rezipierten, übernommen“, so Bergstedt und lässt ferner wissen: „Mit dem Aufstieg Brandenburg-Preußens zur europäischen Großmacht im 18. Jahrhundert nahm auch das Interesse an den Anfängen der Hohenzollernherrschaft in Brandenburg zu.“
Trotz der Zunahme der negativen Beurteilungen der Quitzow-Brüder hätte es unter den Historikern des 19. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Ausnahme gegeben, so Bergstedt weiter. Georg Wilhelm von Raumer habe 1831 einen für seine Zeit bemerkenswerten Essay veröffentlicht: „Ausgehend von der parteiischen Darstellung des Wusterwitz, hinterfragte er den Vorwurf der Räuberei kritisch und betonte, dass den Fehden rechtliche Normen zugrunde lagen. Die Motive des adligen Widerstands sah von Raumer in dem Versuch des Adels, seine Rechte zu bewahren, und im Misstrauen gegenüber dem neuen, landfremden Machthaber.“
Letztlich hatte der erste Hohenzollern-Machthaber im Land kurzen Prozess gemacht, eroberte Friesack und Plaue (1414) und zahlreiche andere „Raubritter“-Burgen. Die Stadt Rathenow hatte sich ihm kampflos ergeben. In der Folge erhöhte König Sigismund seinen Burggrafen Friedrich VI. vom Statthalter zum Markgrafen bzw. Kurfürsten Friedrich I. Das war 1415. Letzter Hohenzollern-Landesherr war Preußenkönig Wilhelm II., zugleich deutscher Kaiser. Er war am 13. Oktober 1894 live in Friesack dabei, als ein dem Quitzow-Bezwinger von 1414 gewidmetes Denkmal enthüllt wurde.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die drei Meter große Bronzestaue vom 5,5 Meter großen Postament demontiert, vermutlich um sie für Rüstungszwecke einzuschmelzen. Auf Initiative des örtlichen Heimatvereins ist Friedrich I. seit 2012 im wiederhergestellten Hohenzollernpark zu sehen. Im Mai des Jahres hatte der „Friesacker Quitzow-Kurier“ des Heimatvereins dem Projektfinale eine Extraausgabe gewidmet, im PDF-Format weiter zu finden auf quitzow-kurier.de.





