Gute Frage zu Friesack: Frie-/-sack oder eher Fries-/-ack?
Die Stadt Friesack begeht 2027 ein großes Jubiläum. 700 Jahre zuvor – 1327 – war sie erstmals als Stadt erwähnt worden. Frühere Erwähnungen stammten aus Zeiten als Burgstandort. Der Name ist noch immer ein Mysterium.
Friesack, das setzt sich im havelländischen Kopf wie selbstverständlich aus Frie- und -sack zusammen. Tatsächlich steht ein Sack in der Stadt für eine lokale Sage über den Teufel und das Adelsgeschlecht der von Bredow, wobei die von Friesack keine Rolle spielen. Diese wohl nach der Burg benannte Familie dürfte ihre Herrschaft schon im 12. Jahrhundert angetreten haben. Über slawische Zeiten und die davor schweigt die Geschichte. Daher ist die Deutung des Stadtnamens hochspekulativ.
Bei erstmaliger Erwähnung der Burg im Jahr 1216 war von Vrisac die Rede. Bei Wikipedia im Internet wird das als slawisch gedeutet und mit „Ort, an dem Heidekraut wächst“ übersetzt. Dass ein von Bredow „Frie ut‘n Sack“ gerufen haben soll, als er durch ein Loch im Sack des fliegenden Teufels zu Boden fiel, ist die unzutreffendste Annahme, zumal die von Bredow erst nach den Herren von Friesack die Bühne der Ortsgeschichte betraten.
Sehr weit hergeholt klingt zunächst ein Zusammenhang mit Friesen. Doch hier lohnt ein genauerer Blick. Friesen-Acker mal beiseite geschoben, gibt es auch die Möglichkeit, Fries- und -ack in Verbindung zu setzen. Hierbei wäre -ack ein Gewässer. In Süddeutschland und dem österreichischen Tirol kommt häufig -ach vor, vom althochdeutschen Aha herstammend, mit dem kleinere Fließgewässer bezeichnet werden.
Es mag ebenso weit hergeholt klingen, doch ist es durchaus denkbar, dass einige Friesen im 8. Jahrhundert im Havelländischen sesshaft wurden oder eine temporäre Niederlassung begründeten. Belegt ist, dass eine friesische Flotte in einer kriegerischen Auseinandersetzung eine wichtige Rolle spielte. Frankenkönig Karl, später Kaiser und der Große genannt, zog 789 gegen einen slawischen König namens Dragowit. Die Wissenschaft geht davon aus, dass das Aufeinandertreffen bei Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) erfolgte. Dem fränkischen Oberregenten standen Friesen zur Seite, die die Havel hoch ruderten.
Heute würde man annehmen müssen, dass sie dabei auf Unterer, Mittlerer und Oberhavel unterwegs gewesen sein müssten. Doch hätten sie erheblich abkürzen können, in dem sie ihre Schiffe auf dem Alten Rhin gen Osten gezogen hätten. Zum Rudern wäre er womöglich zu schmal gewesen.
Über diesen Fluss – daher vielleicht eher Fries- und -ack statt Frie- und -sack – hätte die Flotte Anschluss an die Oberhavel erlangt. In dem Fall hätte sie sich wohl bis zu jenem Rhin bewegt, aus dem rund 9,5 Jahrhunderte später der Havelländische Hauptkanal gegraben wurde.
Kurioserweise lässt sich ein ähnliches Gedankenspiel mit dem Fluss namens Karthane in der nahen Prignitz anstellen. Denn im 8. Jahrhundert war noch von Wilzen die Rede, wenn man die Gesamtheit der frühslawischen Stämme zwischen Ostsee, Elbe, Havel und Oder meinte. Jener Dragowit wurde als König der Wilzen bezeichnet – auf Latein: „rex Wiltorum“.
Wilsnack (seit 1929 mit dem Zusatz „Bad“) könnte mit etwas Fantasie seinen Namen von einem Wilzenfluss herleiten. Wenn derweil ein Friesenfluss am Anfang der Friesacker Ortsgeschichte stehen würde, hieße das ebenso, dass sie schon im 8. Jahrhundert ansetzt. Im Bereich des Denkbaren liegt, dass Friesen vorübergehend eine frühslawische Siedlung übernahmen oder einen verwaisten germanischen Ort neu aufsiedelten und hier einen fern von der Heimat gelegenen Handelsposten begründeten, der sich nicht halten ließ, während nur der Name erhalten blieb. Bodendenkmäler in Friesack belegen lediglich, dass zur Römischen Kaiserzeit (germanische Phase bis zur Völkerwanderung) und im Slawischen Mittelalter, das im 7./8. Jahrhundert begann, bereits Menschen hier gesiedelt hatten.





