Der Mann Gottes, der die Gemeinde in Rathenow verfluchte
Rathenow am 28. Februar 2026: Sarah-Magdalena Kingreen wurde zur Superintendentin des Kirchenkreises Havelland gewählt. Dass so ein Posten mitunter nicht nur Segen bringt, belegt ein Fall aus der Geschichte.
Rathenow ist Nauen und Falkensee um Längen voraus, was die Kirchengeschichtsschreibung betrifft. Denn für die Stadt liegt eine lange Liste vor, die die Superintendenten seit Einführung der Reformation anzeigt. Diese liefert auch spannende Details, so etwa zur Herkunft. Der gebürtige Nordhausener Johann Christoph Schinnemeyer (1696-1767) ging als derjenige in die regionale Kirchengeschichte ein, der die Gemeinde lauthals verfluchte.
Neben Angaben in der Liste, die der Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche erstellt und veröffentlicht hat, findet sich auf seiner Internetseite auch eine Biografie Schinnemeyers. Sie beginnt mit den Worten: „In der Sankt-Marien-Andreas-Kirche hingen früher die Gemälde der Superintendenten Lüssow, Voitus, Winkler, Goltz, Töpfer und Schade. Von dem bedeutendsten Superintendenten, Johann Christoph Schinnemeier, der von 1738 bis 1751 in Rathenow war, fehlte solch ein Abbild.“
Laut Biografie hat der Neue an einem Sommersonntag des Jahres 1738 seine Antrittsrede in Rathenow gehalten. Er kündigte an, so klar und deutlich zu predigen, dass „Hans hinter der Türe auch versteht“. Damit machte sich Schinnemeyer nicht sonderlich beliebt bei Stadtoberen und sonstigen Eliten, weil er ihnen mit gewisser Deutlichkeit den Spiegel vorhielt, sodass das auch Hans hinter der Türe verstand. 1751 zog es der Superintendent vor, Rathenow wieder zu verlassen. Seine Abschiedsrede, die es sehr wahrscheinlich in sich gehabt hätte, wurde sozusagen sabotiert. Als es nach einleitenden Worten in der Kirche wohl ans Eingemachte gegangen wäre, wurde draußen von Feueralarm geschrien. „Alles sprang auf und stürzte den Ausgängen zu. Schinnemeier suchte die Gemeinde zurückzuhalten“, wie es in der Biografie heißt.
Vergeblich hatte der scheidende Superintendent versucht, die Gemeinde zurückzuhalten, bis sie wenigstens den Segen empfangen hätte. Weil aber niemand auf ihn hörte, rief er zornig: „Des Segens begehret ihr nicht, so nehmet denn den Fluch“.
Zum letzten Superintendenten des Kirchenkreises Rathenow war Pfarrer Joachim Tutzschke (1942-2023) geworden. Bei 2003 erfolgter Fusion mit dem Kirchenkreis Nauen übernahm sein Sohn Thomas Tutzschke die Leitung. Er wird Ende März 2026 zum Pfarrer im Ruhestand. Zum 1. Januar wurde die Fusion der Kirchenkreise Nauen-Rathenow zum Havelland vollzogen. Zu dessen Oberhaupt wurde Sarah-Magdalena Kingreen gewählt.





