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Sonntag, 14. Juni 2026

Phänomen in Rathenow – elf Professoren an Buch-Projekt beteiligt

Havelland, Rathenow
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Prof. Gudrun Gleba (Universität Oldenburg) und Förderkreischef Heinz-Walter Knackmuß präsentieren das druckfrisch erschienene Buch „Christus vor dem Hohen Rat – Gerichtsprozesse als Kirchenbilder in Brandenburg und andernorts“. Foto: René Wernitz​

So unwichtig es für die Stadtgeschichtsforschung auch schien, kommt jetzt ein Gemälde aus Rathenow per Buch groß raus. Mit „Christus vor dem Hohen Rat“ haben sich einige Professoren beschäftigt.​

​Prof. Gudrun Gleba (Universität Oldenburg) hat das 1,25 mal 2,05 Meter große Ölgemälde schon vor einigen Jahren für die Wissenschaft entdeckt. Seit mindestens 326 Jahren hängt es in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche und zeigt etwas, das bislang nur für bibelfeste Betrachter Sinn ergab. 

Drei Professoren, darunter die Historikerin selbst, haben jetzt das Buch „Christus vor dem Hohen Rat – Gerichtsprozesse als Kirchenbilder in Brandenburg und andernorts“ im Bebra-Verlag herausgegeben. Die Finanzierung des Projekts übernahm der Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, dem die Oldenburger Professorin seit 2018 angehört. Sie selbst steuerte einen Beitrag bei; ferner haben zehn weitere Professoren mitgeschrieben. Die Mitherausgeber sind indessen Prof. Matthias Asche (Universität Potsdam) und Prof. Judith Becker (Humboldt-Universität Berlin).

Wie der Buchtitel andeutet, gibt es die Gerichtsszene Jesu nicht nur in Rathenow. Ein kunsthistorisches Phänomen stellt es dar, dass ein breiter Korridor zwischen dem polnischen Krakau und Helmstedt (Niedersachsen) besteht, in dem derartige Bilder fast ausschließlich existieren. Kurz vor dem Westende bzw. -anfang des Korridors ist „Christus vor dem Hohen Rat“ auch in Tangermünde und Stölln zu sehen.

Nur bei den nördlichen Nachbarn Rathenows in Stölln hat sich der Maler – ein G. Becker (1701) – per Signet verewigt. Überall sonst ist unklar, wer gemalt hat – auch das ist ein weiteres Phänomen. Mitunter zeigen Jahreszahlen einen weit früheren Herstellungszeitpunkt im 17. Jahrhundert an. Irgendwann in dem Jahrhundert, so wird grob geschätzt, entstand das Bild für Rathenow. 

Wie alt genau dieses Gemälde in der Rathenower Sankt-Marien-Andreas-Kirche ist, weiß niemand zu sagen. Grob schätzt, soll es im 17. Jahrhundert entstanden sein. Das Foto zeigt es vor 2022/2023 erfolgter Sanierung. Foto: Heinz-Walter Knackmuß

Das Grundmotiv aller Bilder ist zwar klar, doch das Feld zur interdisziplinären Forschung sehr breit. Das zeigte sich bereits bei einer dreitägigen Tagung, zu der der Förderkreis 2022 in Rathenow eingeladen hatte. 

„Christus vor dem Hohen Rat“ zeigt Jesus, im Gerichtsprozess, der seiner Hinrichtung vorangegangen war. Wie in eckige Sprechblasen gemalt wirken widerstreitende Positionen (in der Rathenower Sankt-Marien-Andreas-Kirche auf Niederdeutsch). Die einen wollen Jesus tot sehen, andere wollen ihn nur loswerden und verbannen. Es gibt aber auch Anwesende, die den Gerichtsprozess an sich stark anzweifeln. 

Es sieht also danach aus, als hätte die verhängte Todesstrafe durchaus verhindert werden können, hätte der Jerusalemer Hohepriester Kaifas nicht wie ein Justizdiktator bestimmt, was Recht ist. Die Macher des etwa 240-seitigen und reich bebilderten Buchs sehen im Motiv eine Mahnung an alle, die sich mit Rechtsprechung auseinandersetzten.

„Christus vor dem Hohen Rat – Gerichtsprozesse als Kirchenbilder in Brandenburg und andernorts“ ist über den Buchhandel und über den Förderkreis verfügbar. Der bald 30-jährige Verein um seinen Gründungsvorsitzenden Heinz-Walter Knackmuß liefert Infos zum Bild und zur dreitägigen Tagung des Jahres 2022 per Internet auf www.rathenow-kirchen.de. ​

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