Neuer Stolperstein erinnert in Schönwalde-Glien an Gertrud Schwanebeck
Es war ein trauriger Anlass, der am Donnerstag, 24. September 2026, die Menschen in die Dorfstraße im Schönwalder Ortsteil Dorf brachte. Der 56. Stolperstein im östlichen Havelland wurde vor dem ehemaligen Wohnhaus von Gertrud Schwanebeck verlegt. Es ist der zweite Stolperstein in der Gemeinde.
Gertrud Schwanebecks Schicksal wurde mit Hilfe der lokalen Vorbereitungsgruppe Stolpersteine rekonstruiert. Gertrud wurde am 6. Juli 1926 geboren, hatte Eltern und Geschwister und starb doch mit gerade einmal zwölf Jahren am 26. Dezember 1938 in der Landesanstalt Görden bei Brandenburg an der Havel.
Ihr Vater kam aus Schönwalde, die Mutter aus Spandau. Getauft mit fünf registrierten Taufpaten, wie in den Kirchenbüchern recherchiert werden konnte, wurde Gertrud in Schönwalde sogar eingeschult. Aufgrund einer geistigen Entwicklungsverzögerung kam Gertrud bereits im Alter von acht Jahren in eine Anstalt. Gertrud war mit Trisomie 21 auf die Welt gekommen.
Das führte dazu, dass sie im November 1934, mit gerade einmal acht Jahren, in die brandenburgische Landesanstalt in Potsdam, genannt Wilhelmsstift, eingewiesen und damit von ihrer Familie getrennt wurde. Im März 1935 kam sie laut Aktenlage noch einmal zurück zu ihren Eltern. Im Dezember 1935 ging es jedoch in die nächste Anstalt, diesmal nach Lübben. Dort wurde neben sehr diskriminierende Ausführungen auch festgehalten, dass sie nicht schreiben könne und die Anstaltsschule nur mit mäßigem Erfolg besuchte.
Lübben sollte nicht die letzte Station gewesen sein. 1937 gab es nochmal einen Urlaubsaufenthalt zu Hause. Doch am 15. Juni 1938 kam sie in die Landesanstalt Görden bei Brandenburg an der Havel. Diese sollte sie nicht mehr lebend verlassen. Sie verstarb am 26. Dezember 1938 im Alter von nur zwölf Jahren. Die Aktenversion gibt als Grund eine Lungenentzündung an. Gertrud wurde auch in Görden beerdigt.
Es ließe sich nicht beweisen, dass Gertrud Schwanebeck ein Krankenmord-Opfer wurde, aber es gebe starke Anhaltspunkte dafür. Das hänge überwiegend mit der Person des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Hans Heinze, der ein Verfechter der nationalsozialistischen Rassenhygiene und Befürworter der Euthanasie war. Er spielte eine große Rolle bei den medizinischen Massenmorden an Kindern und Jugendlichen. Er agierte genau zu der Zeit in Görden, zu der auch Gertrud dort untergebracht war.
Unter seiner Leitung wurde 1938 die Kinderfachabteilung in Görden eingerichtet, in der Kinder für medizinische Experimente missbraucht und Rahmen des Kindereuthanasie-Programms systematisch ermordet wurden.
Dr. Heinze begegnet Gertrud Schwanebeck bereits in Potsdam, wo der die Landesanstalt leitete, bis diese 1938 genau wie Lübben aufgelöst wurde. Dann ging er als Direktor nach Görden, wo er unter anderem „mit möglichst großem repräsentativem Material“ erbbiologische Forschung durchzuführen.
Gertruds Schicksal steht für eine Zeit, in der Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen im Nationalsozialismus ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt wurden. Mit dem Stolperstein vor ihrem früheren Wohnhaus erhält ihr Name einen dauerhaften Platz in der Erinnerung des Ortes.





